Architektur mit 16 Stationen

Die Idee, die Modelle

Im Architekturprojekt „16 Stationen“ wird die Idee von Gemeinsamkeit und Vielfalt entlang der 16 Städte und Gemeinden im Remstal auf ganz besondere Weise sichtbar. Jede Gartenschau-Kommune weist eine individuelle Prägung auf, die im Rahmen des Projektes „16 Stationen“ mit unterschiedlichen Landmarken sichtbar wird. Im Einklang mit der teilweise sensiblen Landschaft entstanden Orte der Begegnung, die die Städte und Gemeinden auf ganz besondere Weise miteinander verknüpfen werden. Für die Umsetzung dieser spannenden Aufgabe konnte die Kuratorin Jórunn Ragnarsdóttir 16 namhafte Architekturbüros aus ganz Deutschland gewinnen. Im Dezember 2016 kamen die beteiligten Architekten im Rahmen eines Kolloquiums ins Remstal, um die Kommunen und ihre Standorte zu besichtigen. Welches Architekturbüro für welchen Ort eine Station entwirft, wurde über Los entschieden.

 

Von der Idee bis zur Ausstellung

Am 12. Dezember 2016 fiel der Startschuss für das außergewöhnliche Architekturprojekt „16 Stationen“.

Wie alles begann

Station 1 Essingen

Südlich der Landstraße zwischen Essingen und Lauterburg entspringt im Wald die Rems. Die Umgebung der Quelle steht unter Naturschutz, was eine bauliche Intervention an dieser Stelle ausschließt. Gegenüber der Quelle, auf der anderen Seite der Landstraße, befindet sich ein kleiner ehemaliger Steinbruch, der zur Straße einen halbkreisförmigen Raum definiert. Er ist heute ein Biotop, wird aber auf den ersten Blick eher als leicht vermüllte Haltebucht wahrgenommen. Im Umfeld befindet sich neben einer Vielzahl von Wald- und Wanderwegen auch der Remswanderweg, der an der Quelle beginnt und bis nach Remseck führt. Im Zuge der Recherchen für das Projekt haben wir auf einer Karte eine alte Wegeverbindung entdeckt, die direkt vom Fuße des Steinbruchs zum Remswanderweg führt. Nach Rücksprache mit der Gemeinde Essingen gehen wir davon aus, dass dieser Weg, der als Hohlweg neben dem Steinbruch steil nach oben führt, reaktiviert werden kann.

Ein merkwürdiges Bauwerk steht leicht schräg im durch den Steinbruch formulierten offenen Raum. Es ist kein Haus. Eher erinnert es an eine Brücke, ein Tor, eine Aussichtsplattform oder einfach eine begehbare Mauer. Das Bauwerk erscheint homogen und skulptural, zugleich elegant. Als weiße Skulptur steht es im deutlichen Kontrast zu den dunklen Schattierungen des Ortes: dem Asphalt der Straße, dem Fels des Steinbruchs und den Bäumen des Waldes.

Die Station gestaltet für den Remswanderweg einen neuen, seiner Bedeutung angemessenen Auftakt: Durch den wiederentdeckten Wegabschnitt wird eine direkte Führung von der Quelle über den Steinbruch möglich. Das etwa 18 m lange und 4,5 m hohe Bauwerk überbrückt die Höhendifferenz zwischen Straßenniveau und Beginn des Hohlweges. Für die Passanten weist das torartige Gebilde im Straßenverlauf zeichenhaft auf den besonderen Ort hin und stellt einen direkten Bezug zwischen Quellseite und Steinbruchseite her: Von der Quelle kommend, wird die Station als Anfang des Remswanderweges in Form einer markant gefassten Treppe sichtbar.

Aus der anderen Richtung erreicht man sie an ihrem höchsten Punkt: Man verlässt den Wald und betritt die Plattform. Vom erhöhten Standpunkt aus zeigt sich der Bereich um die Quelle als krönender Abschluss des Remswanderweges, bevor man letztendlich die Treppe hinabsteigt.

Die Station wirkt einerseits als skulpturales Gegenüber, Maßstabsgeber und räumlicher Abschluss des heute offenen, vollständig der Straße ausgesetzten Raums, andererseits als erhabene Plattform, von welcher das Biotop aus einer neuen Perspektive erlebbar wird. Der intendierte homogene, skulpturale Charakter der Station soll durch eine entsprechende Materialität unterstützt werden. Die für einen Bushalt bereits hergestellte Asphaltfläche wird in Richtung Steinbruch erweitert. Formal schmiegt sich diese Ausweitung an den Halbkreis des Steinbruchs an und wird mit einem Cortenstahlband gefasst, welches das Biotop klar begrenzt.

 

Über die Architekten:

Das Stuttgarter Büro harris + kurrle architekten wurde 2000 von Joel Harris und Volker Kurrle gegründet. Ihre Arbeit ist von der Planung öffentlicher Gebäude bestimmt: Sie haben schon viele Schulen und Kindertagesstätten gebaut, zudem ein Justizzentrum in Gelsenkirchen, das Archäologische Zentrum in Berlin, die Erweiterung der Fachhochschule in Neu-Ulm und unterschiedliche Verwaltungsbauten. Das Spannungsfeld zwischen Architektur (Objekt) und städtischem Raum (Kontext) auf der anderen Seite prägt die Arbeit des Büros. Volker Kurrle und Joel Harris haben beide am Städtebauinstitut der Uni Stuttgart unterrichtet. Das Büro hat den Wettbewerb um den Umbau und die Erweiterung des Auswärtigen Amtes in Berlin gewonnen, die Realisierung ist bis 2022 geplant.

Station 2 Mögglingen

„Dritte Natur“ nennt Jakopo Bonfadio Mitte des 16. Jahrhunderts die „Menschenhand zu dankende“ Gartenkunst. „Kulturlandschaft“ bezeichnet die dauerhaft vom Menschen geprägte Gegend und ist Teil jener neuen Erdepoche, in welcher der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde geworden ist: dem „Anthropozän“.

Die erste internationale Gartenschau, die 1837 in Gent stattfand, widmete sich noch ausschließlich den Blumen – Ausstellungen galten im 19. Jahrhundert als Vergnügungen für das Bürgertum. Erfurt richtete 1961 nach der ersten „Allgemeinen Deutschen Gartenbauausstellung“ im Jahr 1865 die „1. Internationale Gartenbauausstellung sozialistischer Länder“ aus und wurde zum ständigen Veranstaltungsort für Gartenschauen. Der Erfinder der Spaziergangswissenschaften Lucius Burckhardt kritisierte die Gartenschauen, die „einstmals brauchbare Parks in nur mehr beschaubare Parks verwandeln“.

Die Bundesstraße 29 geht mitten durch Mögglingen hindurch. Seit 60 Jahren kämpfen die Einwohner gegen die Teilung des Ortes und für den Bau einer Umgehungsstraße. Die römische Freiheitsgöttin Libertas krönt das temporäre Monument „Freiheit für Mögglingen — B29 raus“. 2000 Jahre nach der Errichtung der römischen Straße am Limes ist in Mögglingen der Kampf gegen die Bundesstraße erfolgreich.

2019 soll die Umgehungsstraße fertig sein, die „Freiheit für Mögglingen — B29 raus“ wird nach 20 Jahren an das Haus der Geschichte nach Stuttgart gehen. 2019 soll am Mögglinger Parkplatz am Limes eine Station entstehen. Alles kommt alles zusammen.

 

Über den Architekten:

In der internationalen Fachpresse wird Arno Brandlhuber  als politischer und origineller Vordenker seiner Branche gehandelt. Im Jahr 2006 gründete er sein eigenes Atelier in Berlin. Arno Brandlhuber baut nicht sehr viel, aber was er baut, ist immer ein Statement: Zur Stadtentwicklung, zur Wohnungskrise oder zu Ökologie und Nachhaltigkeit. Sein selbst genutztes Atelierhaus in der Brunnenstraße in Berlin löste eine öffentliche Diskussion über Recycling und modernes Bauen mit billigen Materialien aus. Nahe Potsdam hat er eine alte Fabrik  in ein Wohnhaus umgebaut, die sogenannte „Antivilla“. In Nürnberg hat Arno Brandlhuber eine Professur für Architektur und Stadtforschung an der Akademie der bildenden Künste. Zur 15. Architekturbiennale  2016 in Venedig hat Arno Brandlhuber einen Beitrag für den Central Pavilion beigesteuert. Aus der Erkenntnis heraus, dass Gesetze und Vorschriften das Bauen in einem hohen Maße bestimmen, beschäftigt sich der Architekt intensiv mit Baugesetzen.

Station 3 Böbingen an der Rems

Die Wiesen am alten Bahndamm in Böbingen werden momentan in einen Bürgerpark mit Spielplatz, Bocciabahn, Picknick- und Veranstaltungsbereich umgestaltet. Der Park wird durch eine Sitzstufenanlage auch das Ufer des Klotzbaches erschließen und sich als Aufenthaltsort etablieren. Eine Brücke soll den neuen Bürgerpark mit den Wegen im Wald verbinden. Mit den vorhandenen Planungen sind bereits die Weichen für eine vielgestaltige Entwicklung der Wiesenflächen gestellt.

Als Wirkungsraum für die Installation erscheint uns deshalb die stille Waldfläche auf der anderen Seite des Klotzbachs geeigneter, die durch eine besondere Atmosphäre gekennzeichnet ist. Der dichte Wald stellt im Gegensatz zum flachen Wiesenland einen geheimnisvollen, von außen schwer einsehbaren Landschaftsraum dar.

Wir schlagen vor, als überraschende Intervention dort ein weißes Fenster zu realisieren. Durch weiße Farbe wird mitten in dem dunklen Waldstück ein Ort definiert, der ein besonderes Raumerlebnis bietet. Betrachtet man den weißen Raum von außen, so bietet sich dem Auge zunächst ein rätselhafter Anblick. Es scheint, als hätte jemand den Wald entfärbt. Befindet man sich jedoch innerhalb des Raumes, ändert sich die Perspektive: Der Wald wird durch die weiße Deckenscheibe und die weiße Bodenfläche gerahmt und in Szene gesetzt. Auf diese Weise wird der materiallos abstrakte Raum dem Wildwuchs und der natürlichen Farbigkeit des Waldes gegenübergestellt. Dieses Nebeneinander erzeugt einen spannungsvollen Kontrast, die konträren Atmosphären verstärken sich gegenseitig.

Die Dachscheibe wird mit Stahlseilen und Bolzen von den Bäumen abgehängt, sie scheint zu schweben, da die Aufhängung von unten nicht in Erscheinung tritt. Kreisrunde Öffnungen halten Abstand zu den Stämmen und lassen Tageslicht, aber auch Regen und Schnee in den Pavillon fallen.

Auf diese Weise wird das Wetter in das Konzept eingebunden und inszeniert. Die Dachunterseite erhält eine Verschalung aus sägerauhen Brettern, die weiß lackiert werden. Dadurch entsteht eine abstrakte Untersicht ohne sichtbare Konstruktion, die in einen schmalen Dachrand ausläuft und das Dach beinahe wie ein zweidimensionales Element wirken lässt.

Um den weißen Raum nach unten zu begrenzen, wird die Abmessung der schwebenden Dachscheibe als Fläche aus weißem Kies im Boden abgebildet und durch eine Stahlkante präzise gefasst. Für die Baumstämme wird jeweils ein kreisrunder, ebenfalls präzise gefasster Ausschnitt in der weißen Fläche freigehalten, der die Wurzelansätze der Bäume zeigt. Die Stämme erhalten zwischen Dachscheibe und Kiesboden einen weißen Kalkanstrich, wie er bei Obstbäumen üblich ist, um diese vor Erwärmung durch die Sonneneinstrahlung zu schützen. Zusammen mit der Dachscheibe und dem Kiesboden entsteht so ein irritierendes und poetisches Bild.

 

Über die Architekten:

Das Büro Staab Architekten wurde 1991 von Volker Staab  gegründet. Die komplexen Bedingungen von Architektur zu einer einfachen, plausiblen Gestalt zu verdichten, ist ein wesentliches Anliegen ihrer Arbeit. Der Umgang mit der Topografie des jeweiligen Ortes, die Interpretation und Einbindung von vorgefundenen baulichen Gegebenheiten sowie die zeitgemäße Verwendung auch regionaler Materialien bilden den Fundus, aus dem heraus die jeweiligen Konzepte entwickelt werden. Aktuell arbeitet das Büro unter anderem an der Erweiterung des Bauhaus-Archiv/ Museum für Gestaltung in Berlin.

Station 4 Schwäbisch Gmünd

Er ist ein schöner Ort, dieser Lindenfirst, oberhalb von Schwäbisch Gmünd gelegen, mit Blick über die Stadt und in die Weite der Landschaft. Was liegt näher, als auf dem bestehenden Mauerring an der nahezu zentrisch gepflanzten Linde einen Ort zuschaffen, von dem aus sich dieser Blick noch intensiver genießen lässt?

Wir schlagen vor, eine einfache Holzkonstruktion zu bauen, um diesen alten Baum als Sitz-, Tanz-, und Schaulinde nutzbar zu machen. Die untere Ebene des Mauerrings lädt zum Verweilen ein. Eine weitere, witterungsgeschützte Ebene ist über eine steile Treppe zu erreichen, die in der Tradition alter Tanzlinden das Tanzen und Musizieren ermöglicht. Eine Vielzahl weitere Veranstaltungen ist dort denkbar, vom Picknick bis zur Dichterlesung. Die oberste Ebene schließlich bietet im Schatten der Baumkronen einen fulminanten Blick über Schwäbisch Gmünd.

Die Konstruktion besteht aus sägerauem Lärchenholz mit einfachen Schraub- und Stabdübel-Verbindungen. Die gewählten Schraubfundamente gehen sowohl mit dem bestehenden Mauerring, als auch mit den Wurzeln der Linde schonend um. Die Geländerstäbe und die Treppenkonstruktion sind aus schwarzen Bewehrungsstählen und gefalteten Blechen gefertigt.

Ein weißer Vorhang aus Segeltuch schützt den Aufenthalt im Bereich der Tanzebene vor Wind. An den der Sonnenseite zugewandten Stützen werden weiß blühende Kletterrosen der Sorte "Bobbie James" gepflanzt, die in wenigen Jahren bis zur obersten Ebene empor ranken können.

 

Über die Architekten:

Das Büro Florian Nagler Architekten wurde 1996 von Florian Nagler gegründet. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Entwerfen und Konstruieren an der TU München.  Nach einer Lehre als Zimmermann absolvierte er ein Studium der Architektur an der Universität Kaiserslautern. Gast- und Vertretungsprofessuren führten ihn an die Gesamthochschule Wuppertal, die Königlich Dänische Akademie in Kopenhagen und die Hochschule für Technik in Stuttgart.  Die Liste der Bauten von Florian Nagler ist lang und umfasst unter anderem das Distributionszentrum Bobingen, das Kirchenzentrum von Riem, den Neubau der Fachhochschule Weihenstephan, das Bürgerhaus in Neuperlach und das Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Station 5 Lorch

Das „Luginsland“ ist ein Gebäude an der südlichen Ringmauer des Klosters Lorch, das in früheren Zeiten vermutlich der Überwachung der unterhalb gelegenen Fernhandelsstraße diente. Für die Dauer der Remstal Gartenschau 2019 wird es einer Verwandlung unterzogen: 164 Tage lang entzieht eine textile Intervention das Häuschen der direkten Sichtbarkeit. Paradoxerweise gewinnt es gerade dadurch für eine gewisse Zeit an Wahrnehmbarkeit, statt wie bisher selbstverständlich vorhanden und daher quasi unsichtbar zu sein.

Mit dem Ende der Gartenschau soll der weiße Überwurf aus wetterfestem Nylon für weitere 10 Jahre zum Pendant des Wachhauses:  Er wird an eine Stelle verbracht, die bereits während der 164 Gartenschau-Tage ein weiteres „Luginsland“ darstellt: Ein gut einsichtiger Ort wird als temporäres und eventuell mit Fernrohren bestücktes Aussichtsplateau für Besucher angelegt.

Für die darauf folgenden Jahre soll die textile Struktur, welche in Art, Größe und Proportion dem historischen „Luginsland“ entspricht, das Aussichtsplateau mit einem Pavillon behausen, von dem aus man – anders als durch die Blindfenster des Originals – den Fernblick genießen kann.

Der textile Überwurf auf einem Unterbau soll handgefertigt sein und ist in seiner filigranen Textur von der benachbarten Klosterkirche inspiriert. Er wird aus unterschiedlichen Einzelelementen zusammengesetzt.

Damit baut das Projekt auf eine besondere Beziehung zur Bevölkerung der Stadt Lorch, die es zugleich initiiert: Den Bürgerinnen und Bürgern soll es möglich sein, sich selbst in den Beitrag ihrer Stadt für die Remstal Gartenschau 2019 mit einzubringen und sich so auf besondere und direkte Art mit ihm zu identifizieren. Wir schlagen vor, beispielsweise die direkten Nachbarinnen und Nachbarn aus der Heimstiftung Kloster Lorch, die Schülerinnen und Schüler der Stadt Lorch, aber auch Mitglieder von Vereinen und Freiwillige jeder weiteren interessierten Institution um einen handgefertigten Beitrag zu bitten: ein Stück gehäkelter oder gestrickter Handarbeit, jeweils in Form eines der Fachwerkelemente des historischen „Luginsland“. In einer gemeinsamen Aktion werden diese Einzelteile dann zum besagten weißen Textilobjekt zusammengeführt.

 

Über die Architekten:

Das 1992 als Hild und Kaltwasser gegründete Büro Hild und K wird seit 1999 von Andreas Hild gemeinsam mit Dionys Ottl und Matthias Haber geführt. Die Arbeit der Architekten nimmt Stellung zum architektonischen Diskurs und seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen. Das Büro hat etwa das Bikini Berlin, ein denkmalgeschütztes ehemaliges Industrie, Geschäfts- und Bürogebäude an der Budapester Straße 2014 revitalisiert.

Station 6 Plüderhausen

Der Hochzeitsturm zu Plüderhausen: Identität, Kultur und Gedächtnis sind der Landschaft des Remstals eingeschrieben. Aus der Not wurde das Symbol, aus der Pflicht eine Kür: Seit Mitte der 1990er Jahre pflanzen Brautpaare, die sich auf dem Plüderhausener Rathaus das Ja-Wort gegeben haben, auf einer sogenannten „Hochzeitswiese“ einen Obstbaum. Zur Auswahl stehen Apfel-, Kirsch-, Birn- oder Zwetschgenbaum.

Was als alter Brauch von der Gemeinde wiederbelebt wurde, dient dem Hegen und Pflegen der Kulturlandschaft, den Streuobstwiesen des Remstals. Dem Brauch ging ein drastischer Einschnitt in die Lebenswirklichkeit voraus: Nach dem Dreißigjährigen Krieg bestimmten Verordnungen und Verpflichtungen wechselnder Landesväter „im Rahmen der allgemeinen Bestrebung zur Hebung der Landeskultur“ den Anfang: Heiratswillige Bauern und Bewerber um das Bürgerrecht wurden verpflichtet, Obstbäume an Straßen oder auf Allmenden zu pflanzen. Kommunen und private Grundeigentümer waren angehalten, Obstbäume beiderseits von Straßen und Wegen einzusetzen, Baumfrevlern drohten drakonische Strafen – so ist es in „Obstbäume in der Landschaft“ von Rupprecht Lucke, Robert Silbereisen und Erwin Herzberger nachzulesen.

Das Anordnen und Errichten von Räumen an Orten ist Aufgabe der Architektur. Der Hochzeitsturm markiert einen Ort und stiftet dem Brauch einen Raum. An den Höhenzügen der Tallandschaft des Remstals oberhalb von Plüderhausen steht der Turm inmitten einer Streuobstwiese, die als Hochzeitswiese ausgezeichnet ist. 

Der Weg führt unter den Kronen der Obstbäume über die Wiese zum Bauwerk. Das Paar nähert sich von oberhalb dem weiß engobierten Backsteinturm, der hangaufwärts zwei schmale, nebeneinanderliegende Öffnungen ausweist.

Über Stufen in den Schwellen treten die beiden gemeinsam und zugleich, aber durch die beiden Öffnungen voneinander getrennt, in das Innere hinein. Dort, im Turmhaus, verliert der Backstein seine weiße Engobe und zeigt den roten Scherben vor.

Für einen Moment verweilen die beiden im Haus des Turmes. Vor ihnen weitet sich der Blick im Rahmen der großen Bogenöffnung gegen Westen. Am fernen Horizont schimmert über dem Tal die große Stadt, auf der die Sonne ruht; noch darunter im Tal die kleine Stadt mit den verdrehten schwarzen Dächern, aus der sie kommen, in der sie wohnen. Für einen Augenblick wenden sich die beiden einander zu, sich des gegebenen Versprechens vergewissernd. Eine Glücksmünze fällt durch den dunklen Schlitz im rot gepflasterten Boden. Hand in Hand, Arm in Arm, schreiten das Paar danach gemeinsam voran über die tiefe Schwelle des großen Bogens, dem Blick nachgehend die Stufen herab zu den Spaten in beiden Nischen der tiefen Laibungen. Von dort führt der Weg unter den Obstbäumen über die Wiese zu der auserkorenen Stelle ihres Baumes.

 

Über den Architekten:

Uwe Schröder ist Architekt und Universitätsprofessor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Von 2009 bis 2010 war er Gastprofessor an der Università di Bologna. Seine Werkliste umfasst unter anderem mehrere Wohnhäuser. „Räume der Architektur und der Stadt werden als kulturelle und gesellschaftliche Repräsentationen verstanden. Das Anordnen und Errichten solcher Räume an Orten ist die Aufgabe der Architektur – eine Arbeit am Zusammenhalt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“

Station 7 Urbach

Türme haben in Baden-Württemberg eine ingenieurstechnische Tradition: Nicht nur ist der von Fritz Leonhardt 1953 entworfene Stuttgarter Fernsehturm als der erste seiner Art ein technologisches Wahrzeichen der Region. Auch in jüngerer Zeit wurden hier viele innovative Aussichtstürme in neuartiger Leichtbauweise gebaut, die Architektur und Ingenieursbau neu definieren.

Mit über zwölf Metern Höhe soll der Turm schon von weitem sichtbar sein und sowohl für Urbach als auch für die Besucher zum Orientierungspunkt werden. Im Turm entsteht ein schützender Raum, der sich zur Ortschaft hin öffnet.

Der architektonische Entwurf wird durch eine innovative und äußerst leichte Konstruktion möglich. Das vorgeschlagene Bauwerk ist das Ergebnis mehrjähriger Forschung zur Integration von Architektur, Bauingenieurwesen und digitaler Fabrikation, die am Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) und am Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen (ITKE) der Universität Stuttgart durchgeführt wird.

Die Konstruktion besteht aus zwei Lagen dünner Sperrholzstreifen, die flach vorgefertigt und erst bei der Montage elastisch verbogen und verbunden werden. Dadurch entsteht ein stabiles und leichtes Tragwerk, wobei die Sperrholzstreifen Struktur und raumbildendes Element zugleich sind. Die komplex anmutende Konstruktion wurde an den beiden Instituten entwickelt und in einem kleineren Prototyp in Vancouver, Canada, getestet. Ein computerbasierter Entwurfsprozess ermöglicht es, die Form des Turms, der Sperrholzstreifen und die dazu nötigen Fertigungsdaten hervorzubringen. Diese können dann von einer CNC Maschine gelesen und ausgeführt werden. Durch den hohen Informationsgrad in der Fertigung sind für die darauffolgende Montage nahezu keine Pläne nötig.

Der Aussichtspunkt soll durch den Entwurf nicht nur eine bedeutsame Landmarke erhalten. Das Bauwerk selbst soll zum Ausstellungsobjekt moderner Architektur und Ingenieurskunst werden, die in der Region schon seit vielen Jahrzehnten zu finden ist.

 

Über den Architekten:

Achim Menges ist Architekt in Frankfurt und Professor an der Universität Stuttgart, wo er das von ihm neu gegründete Institut für Computerbasiertes Entwerfen (ICD) seit 2008 leitet. Seit 2009 ist Achim Menges ebenfalls Gastprofessor an der Harvard Universität in Cambridge, USA. Jan Knippers hat von 1993 bis 2000 im Büro Schlaich, Bergermann & Partner in Stuttgart gearbeitet und ist seit 2000 Professor und Leiter des Instituts für Tragkonstruktion und Konstruktives Entwerfen an der Universität Stuttgart. Gemeinsam realisierten sie 2016 den Elytra Filament Pavillon für das Victoria and Albert Museum in London, das Ergebnis einer vierjährigen Forschung zur Integration von Architektur, Ingenieurbau und bionischen Prinzipien.

Station 8 Schorndorf

Prisma: Das Projekt für die Station Schorndorf inszeniert sich als signifikante Raumskulptur mit dem Fokus auf die reizvolle Landschaft des Remstals. Inmitten der linearen Struktur der Weinreben erhebt sich das tetraederförmige Prisma, das als Holzkonstruktion aus Brettschichtplatten ausgeführt wird. Es wirkt als minimale Definition eines Raumes: Vier Punkte und sechs Linien bilden einen begehbaren Ort zum Entdecken, Verweilen und Fernblicken.

Das Prisma nimmt zwei entgegengesetzte Bezüge zur Landschaft auf: Die vertikale Öffnung orientiert sich zum Tal mit Blickausrichtung zur Schorndorfer Kirche. Die horizontale Öffnung orientiert sich zum Hang, zum Wald und zum tangierenden Wanderweg.

Der Zugang in den Innenraum erfolgt von unten über eine in das Gelände modellierte Außentreppe. Außen- und Innenwirkung werden als Gegensatz formuliert. Dieses zeigt sich in Materialität und Farbigkeit. Der Körper exponiert sich nach außen mit einer glatten weißen Epoxid-Beschichtung als weit sichtbare Landmarke, während er innen mit einer mattroten Beschichtung Intimität und Wärme erzeugt.

Neben den zwei Schlitzen sorgen punktuelle Glaszylinder in der Außenwand für die Belichtung des Innenraums. Die Ausrichtung dieser Ausblicke zielen auf die anderen 15 Stationen der Remstaler Gartenschau 2019.

 

Über die Architekten:

Till Schneider und Michael Schumacher haben 1988 das Büro von schneider+schumacher gegründet. Einfachheit und Perfektion, Disziplin und Kreativität, Ökonomie und einprägsame Bilder: Das sind für schneider+schumacher keine Gegensätze, sondern Bestandteile einer im umfassenden Sinn guten Architektur, von Bauwerken, in denen sich Menschen gerne aufhalten und mit denen sie sich identifizieren. Die Info-Box auf Europas damals größter Baustelle in Berlin kurz nach der Wiedervereinigung machte das Büro weltweit bekannt.

Station 9 Winterbach

Der Monopteros steht nahe der Wassertretstelle. Ein spiralförmiger Weg führt nach oben. Das Bauwerk misst im Durchmesser 4,80 m, seine Höhe beträgt bis zum Dach 7,78 m. Die kreisförmige Stufenanlage hat fünf sternförmig angeordnete Trennwände, die in der Mitte zusammen treffen. Sie tragen das kreisrunde, in Entsprechung zu den Stufen getreppte Dach.

Das Haus ist gebaut für die Winterbacher und andere Besucher, für Aussicht und Einsicht, für Kleine wie für Große, für Schutzsuchende und für Geschützte, für Solos und Duette, für Träumer und Sternegucker, für Liebende und sich Küssende, für sich Verlobende und sich Bejahende – für die Schönheit.

Über die Architekten:

Die Münchner Architekten Stefan Burger und Birgit Rudcas bauen derzeit den Neubau  der John-Cranko-Ballettschule in Stuttgart. Im Jahr 2013 hat das Büro den Umbau und die Sanierung eines 170 Meter langen Institutsgebäude an der Technischen Uni Chemnitz abgeschlossen. Für die Umgestaltung dieses aus den 70er Jahren stammenden sogenannten Weinhold-Baus hat das  Büro Burger Rudacs mehrere Auszeichnungen erhalten.

Station 10 Remshalden

Das Grundstück liegt in Remshalden auf einer kleinen Anhöhe nördlich der Schorndorfer Straße und westlich eines Wohngebiets. Es zeichnet sich zum einen durch einen Rundumblick aus, zum anderen durch die Lage an der höchsten Stelle des geplanten Bürgerparks. Daraus resultiert die Leitidee eines Pavillons, der sich öffnet und den Blick über die Landschaft freigibt.

Dieser Leitidee folgend planen wir einen Pavillon, der sich am Vorbild eines klassischen Musikpavillons orientiert, ihn abstrahiert und neu interpretiert. Die einzelnen Elemente des Pavillons verbinden sich zu einer statischen und konstruktiven Einheit mit gegenseitigen Abhängigkeiten.

Das Dachtragwerk wird als reziprokes Tragwerk ausgebildet: Alle Stäbe stützen sich aufeinander ab. Die Neigung der einzelnen Stäbe wird dabei direkt durch die Stabhöhe und die Stablänge definiert. Alle Elemente eines Rings stehen also in wechselseitiger Beziehung zueinander. Insgesamt drei solcher reziproken Ringe bilden zusammen das Dach. Insgesamt drei solcher reziproken Ringe bilden zusammen das Dach. Seitlich kragen die Stäbe zu einer dreieckigen Form aus. So bildet das Dachtragwerk durch seine Formgebung gleichzeitig die Dachhaut. Stützen und Dach verschmelzen ineinander, die Integration der Stützenfußpunkte in den Sockel wirkt als Einspannung. Ein weißer, mehrschichtiger Korrosionsschutzanstrich schützt die Stahlkonstruktion vor Witterung.

Der Bau ist über eine fünfeckige Bodenplatte gegründet. Auf der Fundamentoberseite werden die L-förmigen Eckstützen durch aufgedübelte Stahlplatten, die voll mit den Stützenfüssen verschweißt sind, angeschlossen. Durch je vier Dübel sind diese in die Fundamentplatte eingespannt. Die Eckstützen bestehen aus durchgängig verschweißten Flachstählen, die gegenläufig angevoutet sind. An den Stützenköpfen schließen Flachstähle als Dachträger biegesteif an. Die Stützen mit angeschweißter Fußplatte und Dachträger können als ein Element vorgefertigt und vor Ort montiert werden.

Auf Höhe des sichtbaren Sockels wird ein umlaufender Stahlkranz aus Flachstählen 340 x 20 mm eingeschweißt. Nach Fertigstellung der Stahlbaumontage wird der Sockel bis zum Stahlkranz vollständig ausbetoniert. Der Sockelbeton wird konstruktiv zur Vermeidung von Rissen bewehrt.

Die aufeinanderliegenden Dachträger werden in den Auflagerpunkten miteinander verschweißt. Daran schließen seitlich die dreieckigen, dreidimensionalen Dachflächen an, die aus einem umlaufenden Stahlrahmen bestehen, der ober- und unterseitig durch Bleche verkleidet ist.

Die auskragenden Spitzen der Dachflächen werden über angeschweißte Stahldorne auf die darunterliegenden Stützenecken abgestützt. Ebenso erfolgt die Montage der vorgefertigten, darüber liegenden dreieckigen Dachelemente. Diese werden ebenfalls in den Kreuzungspunkten miteinander verschweißt und an den auskragenden Ecken durch Dorne gestützt.

 

Über die Architekten:

Seit 1992 gibt es das Büro der Brüder Ansgar und Benedikt Schulz in Leipzig. Die in Witten an der Ruhe geborenen Brüder sind nicht nur im Büro ein Team, sie leiten auch gemeinsam den Lehrstuhl Baukonstruktion an der TU Dortmund. Auf der Plattform Baunetz ist unter dem Stichwort Büroprofil nachzulesen: „Wir kennen nur  Arbeit und Fußball – sonst nichts“. Ihr Verein ist Schalke 04, ihre Arbeiten als Architekten umfassen den Bau von Universitäts-Gebäuden und Forschungslaboren, sie planen aber auch Schulen und Verwaltungsgebäude in verschiedenen Bundesländern und haben in Leipzig die Propsteikirche St. Trinitatis entworfen und realisiert. Derzeit planen sie unter anderem den Bau der Deutschen Botschaft in Wien.

Station 11 Weinstadt

Auf einer Halbinsel zwischen Rems und der Mündung des Haldenbachs, der sogenannten Birkelspitze, steht ab Mai 2019 das Kaminhaus. Die filigrane Konstruktion wurde von su und z Architekten aus München entworfen und vermittelt zwischen vergangener Zeit und heute, erinnert an die Tradition des Fachwerkbaus und bietet Platz für Ruhe, Genuss und Gesel­ligkeit.  Als Rastplatz bietet das kleine Haus Wanderern, Radfahrern und Bootstouristen stets eine offene Pforte. Auch bietet das Kaminhaus und die Freifläche ein einladendes Ambiente für Weinverkostungen und andere Veranstaltungen aller Art. Die allgegenwärtige Kultur des Weinbaus an den sonnenverwöhnten Rebhängen entlang der Rems und ihrer Seitentäler findet so ihren Weg von den Weinbergen ins Herz der Stadt.

Über die Architekten:

su und z Architekten aus München wurde 2011 von Stefan Speier, Reinhard Unger und Florian Zielinski gegründet. „Wir suchen das Besondere jeder Aufgabe und entwickeln individuelle, kreative Lösungen – vom Wohnungsbau zur Bildungseinrichtung, vom Bauen im Bestand zu städtebaulichen Planungen. Unsere Arbeitsweise ist von der Leidenschaft für Raum, Material und für das Handwerk geprägt. Was uns antreibt? Die Freude an Qualität!" So beschreiben die Architekten ihren Ansatz, den sie seit der Gründung ihres Büros 2011 vor allem in der Realisation von Wohnhäusern und Kindertagesstätten umgesetzt haben.

Station 12 Korb

Fernsehen in Korb: In die Ferne schweifen, den Ausblick zelebrieren, die Landschaft feiern, am Picknicktisch in luftiger Höhe ein gutes Glas Wein genießen – das verspricht unser Beitrag für die Gemeinde Korb.

Der von der Gemeinde bestimmte Ort ist zwar ein erhöhtes Plateau, am sogenannten „Pfefferle“ verstellen jedoch mannshohe Reben den Fernblick. Gleichzeitig ist die Situation geprägt durch einen Zweckbau: den Trinkwasserhochbehälter des Ortes Kleinheppbach aus den 60er Jahren. Der große Speicherbau ist im Plateau eingegraben und wird durch ein kleines Pultdachhäuschen erschlossen. Auf dem Speicherbau, ein Zylinder mit immerhin 13 m Durchmesser, darf nicht gebaut werden, was den zur Verfügung stehenden Bauplatz massiv einschränkt. Gleichzeitig hätte jeder Entwurf den Zugangsbau des Speichers als Nachbar dulden müssen.

Die dargestellte Lösung gibt Antwort auf beide Problemstellungen: Ein Turm aus Brettsperrholzscheiben stülpt sich über das oberirdische Eingangsgebäude des Trinkwasserspeichers, ummantelt dieses und bietet über zwei unabhängige Treppen Zugang zum Aussichtsraum im Dachgeschoss. Der Zugang zum Trinkwasserspeicher bleibt erhalten, die Funktionen werden nicht eingeschränkt.

Schon von weitem erkennt man ihn: den Turm, der aus den Weinreben ragt. Ein Aussichtspunkt mit sagenhaftem Panoramablick auf Korb bis hin nach Fellbach und ins Remstal hinein, aus jeder Höhe und zu allen Seiten. Im Inneren ranken sich zwei Treppen in luftige Höhe und erschließen den Aussichtsraum. Der Besucher erklimmt sich so die schönsten Perspektiven und wird immer wieder überrascht. Die Fassade bildet ein Spalier aus weiß lasierten Holzlatten, die im Laufe der Jahre vom Wein erobert werden.

Auf diese Weise wird die Signalwirkung nach der Gartenschau langsam abgeblendet und der Turm verschmilzt mit der Natur.

Die Möglichkeit der Nutzung bleibt erhalten.

Wie eine rankende Pflanze folgen die Treppen im Inneren des Turms keinem festgelegten Schema, ehe sie im Aussichtsraum enden. Dort, wo die Treppen an die Innenfassade stoßen, sind Podeste und Öffnungen. Der Aufstieg wird zum Erlebnis der Umgebung und bietet einen Vorgeschmack auf die einmalige Aussicht vom Dachgeschoss aus. Das Motiv des Emporrankens wird an der Fassade variiert: Wie an einem Spalier kann dort Wein wachsen und sich allmählich ausbreiten. Die kreuzweise verschraubten Latten sind weiß lasiert, dem Thema der 16 Stationen entsprechend.

Gemäß der Lage in der Natur ist der Hauptbaustoff der Station Holz. Maximal vorgefertigt in großen Brettsperrholzplatten bildet es Hülle, Treppe und Aussichtsraum. Als Schutz ist über den Turm eine Wetterhaut aus diffusionsoffener und UV-beständiger Folie gelegt, dem nach außen die weiß lasierten Latten folgen. Das Flachdach des Turms wird an die Infrastruktur der bestehenden Entwässerung angeschlossen.

 

Über den Architekten:

Seit 2009 realisiert Stephan Rauch in seinem Büro Studio Rauch in München Wohnbauten, die klare Konturen und kompakte Formen zeigen. Auch die Themen Energieeinsparung und nachhaltiges Bauen spielen bei den Projekten von Stephan Rauch eine wichtige Rolle. Statt auf  Hightech-Lösungen setzt der junge Architekt dabei auf formale Reduktion. Wie das aussehen kann, ist unter anderem im Haus Ottobrunn, einem Wohnhaus für einen Pianisten zu sehen.

Station 13 Kernen im Remstal

Wengerter Häuschen und Pflückgärten: Im Zusammenspiel von Topographie, geeigneten Böden, einem besonders milden Klima und der Arbeit der Wengerter hat die Gemeinde Kernen über Jahrhunderte ihre besondere morphologische Prägung erfahren. Die Intervention am höchsten Punkt des Hügels greift die regionale Typologie des Wengerter Häuschens auf. Sie rahmt den einzigartigen Blick über die Weinberge, das Tal und weit darüber hinaus. Die spezifische Kulturlandschaft ist hier das Exponat der Gartenschau, die Architektur ihr Display. Ausgehend von diesem Startpunkt entsteht in Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekten atelier le balto und mit lokalen Handwerkern ein Parcours, der das Motiv des Wengerter Häuschens in verschiedene Gärten übersetzt. Der Parcours lädt die Besucher dazu ein, über den Hang zu spazieren und neben den neuen Gärten auch die alte Landschaft neu zu entdecken.

Das neue Häuschen gewinnt durch die Reduktion auf seine wesentlichen strukturellen Elemente eine eigene Prägnanz. Ein Sockel aus Beton definiert die Grundfläche von 3x5 m. Darüber werden Rahmen aus Lärchenholz errichtet. Die Struktur der traditionellen Ziegeldächer findet sich in Holzschindeln wieder, mit denen sowohl das Dach als auch die Seiten geschlossen werden können. An der Talseite werden im Sockel zwei große Sitzstufen ausgebildet, die zum Verweilen und Genießen der Aussicht einladen. Ein natürliches Plateau dient als Terrasse.

Das Wengerter Häuschen bildet den Auftakt des Parcours. Von hier aus führt ein kleiner Pfad über den Hügel, vorbei an vier terrassierten Pflückgärten. Die Gärten haben die gleiche Grundfläche wie das Haus, stehen jedoch in einem Spannungsverhältnis zur Strenge der Architektur. Durch variierende Kombinationen aus Bäumen und Sträuchern erhält jeder Garten seinen eigenen Charakter und verschenkt verschiedene Früchte. Der unterste Garten bildet eine Klammer zum Wengerter Häuschen, hier finden sich die Rahmen aus Lärchenholz wieder.

Die Einfachheit der Architektur erzeugt eine große Flexibilität in der Nutzung. Das Wengerter Häuschen dient als einfacher Unterstand, Rastplatz und Aussichtspunkt. Es eignet sich aber auch für Veranstaltungen wie Empfänge, Lesungen oder Seminare. Es kann temporär oder auch langfristig variabel ergänzt und möbliert werden, die offenen Seiten lassen sich mit Schindeln schließen. Zur Talseite besteht die Möglichkeit, eine große Panoramascheibe einzusetzen, auf der Bergseite ist der Einbau zweier Tore vorgesehen. Die Zufahrt zum Häuschen erfolgt über den Wendeplatz am Ende des Feldweges, der Platz selbst kann für große Bankette als Fläche hinzugezogen werden. Von hier aus ist das Häuschen auch barrierefrei zugänglich.

 

Über die Architekten:

In der Kunstszene hat das 2001 in Berlin gegründete Büro Kühn Malvezzi einen guten Namen: Die Brüder Johannes und Wilfried Kuehn und die Italienerin Simona Malvezzi  haben 2002 für die Documenta 11 Ausstellungsräume gestaltet und seitdem eine Vielzahl von Museumsarchitekturen realisiert: unter anderem für den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, für die Sammlung Berggruen und die Ausstellungshalle Hamburger Bahnhof in Berlin. Auch an der letztjährigen Triennale in Fellbach war das Büro Kühn Malvezzi beteiligt und hat die Alte Kelter in einen temporären Schauraum für Kunst verwandelt. Neben der Ausstellungsarchitektur gehören auch Bauten für öffentliche und private Auftraggeber zum Portfolio des Büros.Wilfried Kuehn lehrte bis 2012 Ausstellungsdesign an der Hochschule für Gestaltung  in Karlsruhe, Johannes Kuehn lehrt an der Bauhaus-Universität in Weimar.

Station 14 Waiblingen

Die begehbare Gebäudeskulptur ist ein gebautes Diagramm und eine zeitgenössische Interpretation einer klassischen Hausform mit Satteldach, die sich auflöst und zerfließt. Sie sitzt als "Haus im Fluss" auf der Nordspitze der Schwaneninsel und steht im Dialog mit der umliegenden historischen Waiblinger Bebauung und den grünen Ufern der Rems. Die große Öffnung rahmt die Umgebung und schafft einen direkten Sichtbezug zum Kulturareal der Galerie Stihl auf der gegenüberliegenden Flussseite.

Zu Beginn der Transformation ist das Gebäude auf eine einzelne Scheibe reduziert. Dann zerfällt die “Hauswand” von innen heraus in einzelne Puzzlesteine, die sich zu großen Sitzelementen zusammenschließen. Diese verwandeln die Wand in einen Raum und schaffen durch das Ausgreifen in die Landschaft einen Ort der Verschmelzung von Architektur und Natur.

Über den Architekten:

Bereits mit seinem ersten realisierten Gebäude, dem 2002 fertig gestellten Stadthaus Scharnhauser Park in Ostfildern, hat der in Winnenden aufgewachsene Architekt Jürgen Mayer H. viel Beachtung erfahren. Die Pläne für das Stadthaus sind heute Bestandteil der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art (Moma). Sein Büro existiert seit 1996, der Fokus liegt auf den Schnittstellen von Architektur, Kommunikationsdesign und Neuen Technologien. Das Büro J. MAYER H. hat in Georgien ein Flughafengebäude und andere Bauten realisiert, in Sevilla einen Platz umgestaltet und ein Gerichtsgebäude in Belgien gebaut. International ist auch die Lehrtätigkeit von Jürgen Mayer H.:  Er hat unter anderem schon an der Harvard University in Boston, der Architectural Association School of Architecture in London und der Columbia University in New York unterrichtet.

Station 15 Fellbach

Die filigrane Stahlkonstruktion am sogenannten „Wegedreieck“ markiert einen Ort zum Ausruhen, zum Innehalten und zur Begegnung. Die Pergola, vom Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger für Fellbach entworfen, liegt in Mitten der Weinberge. Auf einem kleinen Plateau können die Besucher des Belvederes das Werden des Weins von der Blüte bis zur Lese verfolgen, die traumhafte Laubfärbung genießen und den Blick dabei schweifen lassen. An der Pergola – übersetzt „Rankhilfe“ eines Vor- oder Anbaus – wird Wein emporwachsen und die luftige Konstruktion nach und nach zum Teil der Landschaft werden lassen.

Über die Architekten:

1993 haben der in den USA geborene Frank Barkow und die Stuttgarterin Regine Leibinger ihr Büro in Berlin gegründet. Sie bauen für mittelständische und große Unternehmen, genauso entwickeln sie Masterpläne zur Standortentwicklung. In Ditzingen haben sie für die Firma Trumpf ein mehrfach ausgezeichnetes Betriebsrestaurant gebaut. Zuletzt fertig gestellt wurde der Tour Total und das Aufbau Haus in Berlin und das HAWE-Werk in Kaufbeuren.

Das Selbstverständnis des Büros Barkow Leibinger ist durch das Zusammenspiel von Praxis, Forschung und Lehre geprägt, beide Büroinhaber haben schon an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland unterrichtet: in den USA, der Schweiz und an der Kunstakademie in Stuttgart, Regine Leibinger ist Profesorin für Baukonstruktion an der TU Berlin. Die materialbezogene Forschungsarbeit des Büros war bereits in vielen Ausstellungen zu sehen, unter anderem in London und bei der Architektur-Biennale in Venedig.

Station 16 Remseck am Neckar

Der Ort ist geprägt durch ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen Stadt, Landschaftsraum und Wasser, denn er liegt am Zusammenfluss von Rems und Neckar. Durch wasserbauliche Maßnahmen konnte an dieser Stelle ein natürlicher Strand entwickelt werden. Der Mündungsbereich ist für die Bewohner zum Identifikationsort mit hoher Erholungsqualität geworden.

Das BADEHAUS interpretiert diesen Ort neu und erfüllt im Einklang mit der Landschaft konkrete Funktionen, als Umkleidekabine, als Besuchersteg, sowie als Kunstort, Ausstellungsort, Pavillon oder Schutzraum. Mit der Konstruktion manifestieren sich Stadt, Land und Fluss an einem gemeinsamen Ort, der dadurch auf vielfältige Weise zum Erlebnisraum für Mensch und Natur wird.

Die einzelnen Badehäuser werden in Tafelbauweise errichtet, auf Schwimmkörpern an den geplanten Schwimmsteg angegliedert und über Stangen im Untergrund gehalten. Das Grundmodul besteht aus einer Furnierschichtholzplatte, die durch Kesseldruck-Imprägnierung dauerhaft wasserabweisend und formstabil ist. Aufgrund der Materialeigenschaften von Furnierschichtholzplatten bietet sich die Möglichkeit an, die einzelnen Module durch CNC-Fräsung zu fertigen, so dass alle Bauteile, einschließlich ihrer bereits werkseitig gefrästen Verbindungsnuten, maschinell präzise vorgefertigt und anschließend wie ein Bausatz montiert werden.

Die Holztafeln des BADESHAUSES bleiben von außen naturbelassen, so dass sich mit der Zeit durch leichtes Vergrauen der Oberfläche eine natürliche Patina einstellen kann.

 

Dabei ist es wichtig, dass die Konstruktion materialgerecht altern darf und die helle Farbgebung als verbindendendes Element der 16 Stationen der Gartenschau erhalten bleibt. Ein Verbindungsbeschlag-System erlaubt eine schnelle, formschlüssige Montage.

Im Inneren wird dem BADEHAUS etwas Weis(s)heit verliehen: Durch vielfältige, persönliche Assoziationen geprägt, erlaubt die Farbe Weiß die „wahre Idee von Unendlichkeit“ – der Ort erhält etwas Entrücktes, nicht Greifbares. Dieses Gefühl bleibt außerhalb der Badesaison erhalten, wenn das BADEHAUS entlang des Schwimmstegs zum Sehnsuchtsort wird.

 

Über den Architekten:

„Ohne das Wissen um die Geschichte eines Ortes bleibt Architektur nur an der Oberfläche und kann sich nicht verwurzeln.“ Ein Satz des Architekten und Stadtplaners Christoph Mäckler, der sich kritisch und engagiert seit vielen Jahrzehnten an der Debatte um Stadtbilder und moderne Architektur in Vorträgen und bei  Diskussionen beteiligt. Sein Büro besteht seit 1981. 2008 hat er das Institut für Stadtbaukunst gegründet, das zahlreiche Städte in Deutschland berät. An der Universität Dortmund lehrt er seit 1998 Städtebau. Das Büro Christoph Mäckler Architekten hat in Berlin und vor allem in Frankfurt viele Verwaltungs- und Wohnhäuser entworfen und mit mehreren Türmen Akzente in der Frankfurter Skyline gesetzt. Zu seinem sechzigsten Geburtstag hat die FAZ sein Talent gelobt, „historische Stile zeitgenössisch zu interpretieren“.